Das Automagazin ohne Autos

Bei «Curves» ist wortwörtlich der Weg das Ziel. Daher kommt dieses Automagazin komplett ohne Autos aus. Okay, am Anfang gibt es eine Anzeige mit einem schicken Porsche darin. Und ja, auf den Making-of-Bildern im Heft fokussieren die Heftmacher am liebsten ihren SUV (ebenfalls von Porsche). Doch die Hauptrolle im Heft spielen die Straßen, die uns Leserinnen und Leser durch schöne Landschaften führen. Die Kurven, die die Schluchten, Felsen, Urwälder, Vulkanlandschaften und – seit dieser Ausgabe – das Watt mal elegant und mal eher träge ausweichen.

Curves - 2«Curves» brachte seine Leserinenn und Leser in den ersten Ausgaben durch die französischen, österreichischen, italienischen und schweizerisch-italienischen Alpen und wagte sich erst danach in andere Gefilde, etwa in die Pyrenäen, nach Kalifornien, Sizilien und Schottland. Nun entdecken die Münchener erstmals die Nord- und Ostsee Deutschlands und Dänemarks.Curves - 3In dieser Ausgabe bekommen die aufmerksamen Leser das Gefühl, dass sich die «Curves»-Macher dort nicht so recht wohl fühlen. Gleich bei der ersten Etappe von Emden nach Hamburg nörgeln die Jungs über die Eintönigkeit der deutschen Nordseeküste. Das mag man als ehrlich bezeichnen. Denn in welchem Reisemagazin bekommt von von den Verfassern schon zu hören, dass ihnen die Reise nicht gefiel? Jedoch versuchen sie später wenig glaubhaft, diesen ersten Eindruck ihrer Tour zu einem (positiven) Zen-Lebensgefühl umzudeuten. Naja… Curves - 4Darüber hinweg sehend möchte ich aber nicht verschweigen, dass der Begleittext wie in allen Ausgaben ein großes Lesevergnügen bereitet. Stefan Bogner, der Gründer, verriet bei einem Vortrag auf der «Quo vaids»-Konferenz vor einpaar Jahren (heute unter dem neuen Namen «EDCH») , dass die Texte etwa so unterhaltend sein sollten, wie man sich ein Gespräch zwischen Quentin Tarantino und Alice Cooper auf einer Autofahrt vorstellen würde, bei welchem man auf der Rückbank voller Vergnügen zuhören darf. Ob dieses Niveau erreicht wird, darf jede Leserin oder Leser selber beurteilen. Kurzweilig sind sie aber garantiert.Curves - 5Zugegebenermassen kauft sich wahrscheinlich niemand dieses Magazin, genauso wie beim «Playboy», wegen der Texte, sondern eher wegen der Bilder. Doch im Gegensatz zu Hugh Hefners Heften geht es bei «Curves» um mehr als nur Kurven. Nämlich um die Landschaften drumherum, die entweder scheinbar vom Auto, von Helikoptern (zumindest in vorherigen Ausgaben) oder mit Hilfe von Drohnen abgelichtet wurden. Die Bilder sind wunderschön, die meisten würde ich sofort in vergrösserter Form als Poster an die heimischen Wände hängen wollen. Leider verlangt Bogner für jedes beliebige Bild in hoher Auflösung mehrere tausend Euros. Will man nicht zu viel Geld ausgeben, muss man entweder in den Soda Bookstore in München gehen, um zwei seiner Bilder in Postergröße bestaunen zu können oder eben sich mit dem Magazinformat abfinden. Es gibt Schlimmeres… Schade finde ich zudem, dass auf Bilder von den Städte, die sie auf ihrer Reise passierten, weitgehend verzichtet wurde, obwohl diese in den Texten eine große Rolle spielten. Schließlich schwärmen sie von der Speicherstadt Hamburgs und den kulinarischen Highlights Kopenhagens. Und Großstädte aus der Vogelperspektive sind häufig sehr spannend (wobei man natürlich die Autos wegretouchieren müsste, sofern man weiterhin das Automagazin ohne Autos bleiben möchte).Curves - 7Immerhin liegt dem «Curves»-Magazin eine Michelin-Autokarte in Postergröße mit der absolvierten Nord-Ostsee-Route zum Nachfahren bei. Die Autokarte mit dem Charme der alten Karten aus den Handschuhfächern der Neunziger, wo man noch nichts von Google und Maps wusste,  findet sich auch in mehreren Abbildungen im Magazin wieder und zeigt den Reisefortschritt an. Etwas nutzlos sind diesmal die abgebildeten Höhenmeter, die in den Gebirgsausgaben durchaus ihre Existenzberechtigung hatte. Die Graphen schlagen zwar recht hektisch aus (wie auf dem folgenden Bild unten links zu sehen). Doch bewegen sich die Steigungen und Gefälle meistens zwischen 0 und 150m, verteilt auf viele Kilometer und werden daher selbst für Fahrradfahrer kaum bemerkt. Wir sind halt im Norden Deutschlands und in Dänemark.Curves - 10«Soulful Driving» ist der Slogan von «Curves» und passt damit ganz gut in dem weit verbreiteten Slow-Life-Lebensstil der heutigen Zeit. Das Auto verliert als Statussymbol immer mehr den Stellenwert, den es in den letzten Jahrzehnten noch hatte. Als Statussymbole fungieren immer mehr die Reisen, die man unternimmt und von denen man später stolz im Büro oder bei Freunden erzählen kann. «Curves» scheint intuitiv in genau in diese Kerbe zu schlagen und könnte damit auch in den kommenden Ausgaben noch sehr erfolgreich sein. Wir zumindest sind sehr gespannt, wohin die Reise das nächste Mal geht.Curves - 9Titel: Curves. Soulful Driving – Deutschland Küsten / Dänemark
Sprache: Deutsch + Englisch
Woher: München
Offzieller Preis: EUR 15 und CHF 20
Wo kaufen: an gut sortierten Kiosken, insbesondere an Bahnhöfen und Flughäfen

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