Vier Gründe für ein ganz großes Tennis

«Racquet» heißt übersetzt Schläger und ist der passende Name für ein relativ neues Magazin von Caitlin Thompson und David Shaftel aus New York City. Das Magazin erscheint quartalsweise und hat sich in seinen fünf Ausgaben bereits zu einem der Lieblinge der Independent-Magazin-Szene entwickelt (man höre beispielsweise Monocles Podcast The Stack oder Stack Magazines Podcast). Doch woran liegt das? Vier Gründe zählen wir im Folgenden auf.

Racquet - 31. «Racquet» ist ein Nischenmagazin
Die Indie-Szene liebt Nischenmagazine, die sich einem Thema in aller Klarheit widmen und es dennoch schaffen, für Themenfremde interessant zu bleiben. Genau das schafft «Racquet», indem sie sich weniger für aktuelle Wettbewerbe und Ergebnisse interessieren, sondern vielmehr für die Kultur hinter diesem geschichtsträchtigen Sport. Tennis mag zwar in vielen Ländern alles andere als eine Randsportart sein, beispielsweise in der Schweiz, wo dieser Beitrag geschrieben wird. Doch Tennismagazine sind auch dort eine Rarität (und wahrscheinlich ultra-langweilig). Ein Magazin über Tenniskultur ist also extrem nischig.Racquet - 42. Für «Racquet» schreiben Profis
Independent Magazines werden häufig von Designern, Architekten, Fotografen und anderen Kreativen gegründet, die ihre Stärken in der visuellen Ästhetik haben. «Racquet» dagegen ist ein Startup von Journalisten, die für renommierte Blätter wie die «New York Times» geschriebene haben. Thompson und Shaftel schöpfen aus ihrem Netzwerk renommierter Autorinnen und Autoren, die ihre Begeisterung für Tennis teilen und «Racquet» zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis machen. Dafür erreicht das Editorial Design, die Art Direction, nicht ganz das Niveau eines «Kinfolk», «Apartamento» oder «Soigneur».
Racquet - 83. Tennis ist und bleibt ein Sport der Priviligierten
Während Fußball in der Arbeiterklasse groß geworden ist, war Tennis immer ein Sport der weißen Oberschicht. Dank teurem Equipment, hoher Mieten für Tennisplätze und hohen Eintrittshürden in Tennisclubs erreicht der Sport beispielsweise in Deutschland hohe TV-Einschaltquoten nur dann, wenn es endlich mal wieder eine Deutsche oder ein Deutscher ins Finale schafft. In der Schweiz verhilft Roger Federer seit gefühlt fünf Jahrzehnten dem Tennis einer hohen Popularität – wer weiß, wie sich die Beliebtheit in der Post-Federer-Szene entwickeln wird.

Die Indie-Szene setzt sich aus kreativen, gut ausgebildeten Leuten zusammen, die bereit sind auch mal 20 Euro oder Franken zu zahlen und gerne zehn Seiten Text lesen. Sie sind vielleicht nicht immer wohlhabend, aber reich an Möglichkeiten, priviligiert eben. Wie zum Beispiel «Monocle», ein Magazin von und für Menschen mit einem hedonistischen Lifestyle, die «Racquet» in ihren Podcasts gerne loben. Oder die «Racquet»-Macher selber, die es als erfahrene Redakteure von Amerikas besten Blätter ebenfalls „geschafft“ haben. Hier geht es keinesfalls darum, «Racquet» dafür zu kritisieren, eine Leserschaft unter Priviligierten zu finden, sondern um die Feststellung, dass eine gewisse Affinität bei der priviligierten Indie-Szene nicht überraschend ist.

Racquet - 94. Neugier
Gute Magazine zeichnet eine unstillbare Neugier aus, die eine gewisse Weltoffenheit voraussetzt. Nur so entstehen überraschende Lesemomente. In der aktuellen Ausgabe interessiert sich der Autor Tim Szetala für die Geschichte der Tennis-Videospiele, angefangen bei Pong bis zu Super Mario Tennis. Bon Rothenberg besucht einen Sammler von Tennisartefakten. Artefakte können etwa Tennisbälle aus der Zeit des zweiten Weltkrieges sein, Flipper-Automaten mit Tennismotiven oder kurioserweise Tennisschuhe für Pferde (damit der Tennisplatz durch Hufentritte nicht verunstaltet wird). Rothenberg reiste eigentlich an, um sich über einen weiteren Nerd lustig machen zu können, lernte aber einen Sammler kennen, der seinen Keller pflegt und hegt, wie ein Museum.Racquet - 6Insgesamt ist «Racquet» ein gelungenes Tennismagazin, das auch für interessierte Outsider spannend sein kann. Da ich selber kein großer Tennisfan bin, werde ich kein regelmäßiger Leser werden (die Matches sind einfach zu nervenaufreibend, wenn ich auch nur ein wenig Sympathie für eine Seite hege). Sollte aber mal ein Fußballmagazin ein ähnliches Niveau erreichen und gleichzeitig nicht zwanghaft lustig sein wollen wie die 11Freunde, dann wäre ich sofort dabei.

Racquet - 10Titel: Racquet. No. 5
Sprache: Englisch
Woher: New York City (Produktion), Kanada (Druck)
Offzieller Preis: $20/£14
Wo kaufen: Racquet Magazine Website (ca. €22 inkl. Versand), Print Matters! (CHF 19 + CHF 2 Versand)

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