Welcome to the Hipster Economy

Mir ist durchaus bewusst, dass „Hipster“ als Label für Personen oder Produkte eines der beliebtesten Abwertungen zur Zeit ist, in etwa so wie „Yuppie“ einpaar Jahrzehnte vorher. Den Hipster gibt es natürlich nicht, denn selten findet man alle stereotypischen Merkmale in einer Person vereint (Vollbart, Schnurbart, Holzfällerhemd, Speciality Coffee- und Magazinfan, ein Künstler, der sich in der Gig Economy sein Überleben sichert etc.). Der Hipster ist ein Feindbild, der angeblich für die Gentrifizierung und den damit einhergehenden steigenden Mieten schuld ist. Vor allem aber sei er ein Hedonist, der all sein Geld für überteuerte, hippe Produkte ausgibt: Apple-Produkte, Mid-Century-Möbel, Speciality Coffee, Independent Magazines (erwischt!) und Essen in angesagten Fusion-Restaurants. Und wenn der Hipster nicht von einer Karriere als Café-Besitzer oder Galerist träumt, dann will er als Entrepreneur ein Technology Startup hochziehen, bis es von den großen aus dem Silicon Valley irgendwann aufgekauft wird.

IMG_20180211_094456.jpgDas «Courier»-Magazin ist der Prototyp eines Wirtschaftsmagazins für die Hipster-Generation. Das Magazin interessiert sich in der aktuellen Ausgabe vorallem für Startups aus den Bereichen Internet, Mode und Coworking Spaces. Themen wie Female Founders (in der aktuellen Ausgabe), Trends in der Lebensmittelindustrie oder Wirtschaften in Istanbul werden fast immer vor dem Hintergrund von hippen, jungen Entrepreneuren beleuchtet. Es geht um Podcast-Firmen, Reisebuchungsplattformen, Spotify, Facebook, innovative Lebensmittel-Startups und natürlich um Craft Beer. Es lebe das Hipstertum! Wie gut kann aber ein Wirtschaftsmagazin sein, das sich seine Inhalte so zusammenstellt, als hätten sich bei den letzten zehn Rekrutierungsrunden bei der Redaktion ausschliesslich junge Menschen aus Williamsburg, Kreuzkölln und East London gemeldet? IMG_20180211_094339.jpgSehr gut, um es kurz zu fassen. In meinen Augen ist eine Zeitschrift gelungen, wenn seine Macher es schaffen, den Zeitgeist einzufangen, ihn inhaltlich und ästhetisch zu Papier bringen und durch die Tonalität den Respekt gegenüber der eigenen Leserschaft ausdrücken. Die Ästhetik von «Courier» erreicht zwar keineswegs das ikonische Level einer «Kinfolk» oder einer «Gentlewoman». Mit dem schönen Papier (abgesehen von der Titel- und Rückseite), den vielen schönen Illustrationen und Infographics, braucht sich «Courier» jedoch in Kiosken und Indiemag-Läden dieser Welt ganz und gar nicht zu verstecken.IMG_20180211_094435.jpg«Courier» deckt in ihrer Berichterstattung etwa die gleichen Märkte und Businessmenschen ab wie die deutschsprachige «Businesspunk» aus dem Hause Grunter + Jahr. In der Tonalität trennen sich zwischen diesen beiden Produkten jedoch Welten. Die «Business Punk» spult krampfhaft ihre „Work hard, play hard“-Attitüde herunter. Alles muss in dem Heft spektakulär, gar revolutionär und immer spaßig sein. Dagegen geht es die «Courier» ruhiger an und zieht mit einem kritischen, aber konstruktiven Blick durch die Hipster-Ökonomie. In der aktuellen Ausgabe beispielsweise berichtet sie über die Herausforderungen von Gründerinnen, stellt erfolgreiche Business Women vor und zeigt auf, wo Lösungen für echte, nachhaltige Veränderungen ansetzen müssen.IMG_20180211_094423.jpgDas «Courier» sich weniger für die Old Economy interessiert – geschenkt. Schließlich kümmern sich bereits die herkömmlichen Wirtschaftsmagazine um die KMUs aus Baden-Württemberg oder den milliardenschweren Konglomerate abseits des Silicon Valleys. Durch den Fokus auf «Stories of modern business», wie der Slogan des Titels lautet, also auf die eher jungen Märkte und Entrepreneure, bietet «Courier» den Next-Gen-Unternehmern, Kreativen und, ja, auch den Hipstern eine Plattform mit geringen Eintrittshürden. IMG_20180211_094530.jpgTitel: Courier. Stories of Modern Business – Issue 21 Feb/March 2018.
Sprache: Englisch
Woher: London
Offzieller Preis: £5/$9
Wo kaufen: Coffee Table Mags (€7, etwa CHF 8 ohne Versand)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s