Ein Gespräch über das Buch «Tbilisi – Archive of Transition» mit Sebastian Pranz

Auf der diesjährigen EDCH 2018 Konferenz in München habe ich mit Spannung dem Vortrag der Magazinmacher von Froh! gelauscht und hinterher mit einem ihrer Gründer geredet: Sebastian Pranz. Sebastian ist Journalist, Dozent für digitale Medien, hat auch seinen Doktor über digitalen Medien gemacht und ist teilhabender Geschäftsführer einer Agentur für Storytelling in Köln. Er brennt für gesellschaftsrelevante Geschichten und findet sie in den letzten Jahren bei jungen Magazinmachern in Osteuropa.

Printed Insights: Hallo Sebastian. Das Froh! Magazin habe ich vor zehn Jahren zufällig auf einem Konzert beim Motoki-Kollektiv kennengelernt, das gleichzeitig euer Heimatbüro ist. Es handelte sich um ein Heft zu Weihnachten, also euer erstes Froh! Magazin. Im Laufe der Jahre kamen einige Ausgaben dazu. Wie habt ihr euch in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Sebastian Pranz: Froh! hat seit jeher gesellschaftliche Themen verhandelt. Es ging viel um Werte, philosophische Fragen. In den ersten Heften hatten wir auch Theologen für Beiträge eingeladen.

Ich weiß, alle warten gerade auf die Nummer 12, der Nachfolgerin zu unserer Transit-Ausgabe Nummer 11. Im Moment steht das Froh! Magazin jedoch gegenüber anderen, großen Projekten zurück. Froh! ist schon immer sehr unregelmäßig erschienen. Aber ich glaube, unsere Leserinnen und Leser sind das von uns gewohnt. Ich habe nicht so einen Aktualitätszwang.

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

Was sind das für Projekte, an denen ihr arbeitet und wie hängen diese mit dem Froh! Magazin zusammen?

Bei Froh! hat uns immer die Frage begleitet, wie man auch gesellschaftliche Veränderungsimpulse geben kann. Irgendwann hatten wir angefangen, aus der Arbeit an den Heften heraus Workshops mit jungen Journalistinnen und Journalisten durchzuführen.

Wir merkten, dass es uns nicht mehr ausreichte, ein eigenes Heft zu machen, das nach 100 oder 150 Seiten zu Ende ist. Wir kamen auf die Idee, dass wir vielmehr auch unsere Methoden als Self Publisher teilen und gemeinsam mit anderen Leuten entdecken wollten, welche Geschichten es noch zu erzählen gibt.

Wir haben in den letzten Jahren viel in verschiedenen Ländern Osteuropas mit lokalen Teams von jungen Journalistinnen und Journalisten, Fotografen und Grafikern vor Ort gearbeitet und mit ihnen meistens innerhalb von zwei Wochen ein ganzes Printmagazin oder eine Webseite gemacht. Dabei geht es uns immer darum, eine Öffentlichkeit zu schaffen. Diese Idee ist weiter gewachsen, so dass wir uns von den Froh!-Magazinmachern zu einer NGO entwickelt haben, die ihre Methoden des Geschichtenerzählens weitergeben. Daher haben wir Ende 2014 unseren Verein gegründet.

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

In welchen Ländern habt ihr bisher solche Projekte umgesetzt?

Wir waren mehrmals in der Republik Moldau, in Litauen, Sibirien, Georgien und Armenien. Nächsten September sind wir in der Ukraine, wo wir mit Menschen aus der Ost- und Westukraine ein Magazin machen werden. Uns begleiten stets die Fragen, welche Geschichten uns Menschen eigentlich ausmachen, wie wir über uns reden wollen. Da wir in der Ukraine zur Zeit zwei Gruppen haben, die durch den Konflikt in Ost und West geteilt sind, ist die Grundidee für das Projekt mit beiden zusammen an einer gemeinsame Stimme zu arbeiten. Und über diesen Zugang gelangen wir schnell zu den kulturellen Fragen, wer wir eigentlich sind und wo wir hinwollen.

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

Du hast eben kurz auch Georgien als ein Land erwähnt, wo ihr gearbeitet habt. Aus der Arbeit dort ist das Buch “Tbilisi – Archive of Transition” entstanden, das demnächst erscheint. Kannst du uns etwas von diesem Projekt und dem Buch erzählen?

Das Goethe Institut hat uns 2013 nach Georgien eingeladen. Vor Ort konnten wir dann verschiedene Partnerschaften für weitere Projekte schließen und sind seither bestimmt 15 mal dort gewesen. Wir sind immer tiefer in die Geschichten der Stadt eingetaucht, so dass die Idee für das Buch entstand: Weil sich Georgien, vor allem seine Hauptstadt Tbilisi radikal verändert, möchten wir die Geschichten des Wandels zu erzählen. Die Geschichten wollten wir in einem Archiv zusammenführen.

Auch Archive sind eine Art, Geschichten zu erzählen. Mit dem Buch, an dem wir gerade arbeiten, zeigen wir das Archiv in Printform. Aber aus dem Archiv sind auch ganz viele andere Formate hervorgegangen: Wir haben eine Website entwickelt und Workshops durchgeführt. Wir haben Ausstellungen gemacht, Gesprächsrunden und Installationen. Das Buch «Tbilisi – Archive of Transition» ist gewissermaßen das Endprodukt aus den letzten fünf Jahren.

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

Wie ist das Buch aufgebaut? Wie ein Magazin oder eher lexikalisch?

Wir haben mit den typologischen Aspekten des Archivs gespielt. Letztendlich sind es sehr viele Essays. Es gibt im Buch eine Marginalspalte mit kleinen Archivkarten, die im Buch Querverweise erzeugen. Vor allem haben wir nicht nur Texte und Geschichten, also journalistische Geschichten drin, sondern vor allem auch verschiedene Archive, aus denen wir Bilder kuratiert haben. Beispielsweise aus Privatarchiven oder aus dem Georgischen Nationalarchiv, aus welchem wir verschiedene Sammlungen ausgewählt haben und zeigen. Das heisst, das Buch ist in verschiedener Hinsicht auch ein Archiv mit verschiedenen Schichten. Die Idee war, dass man tief eintauchen kann, dass dieses Material anfängt, lebendig zu werden und eigene Geschichten zu erzählen.

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

Für das Buch läuft zur Zeit noch eine Kickstarter-Kampagne. Wann wir das Buch erhältlich sein?

Genau, das Projekt ist fast komplett finanziert. Es fehlen nur noch die letzten paar tausend Euro. Und dafür haben wir bis zum 27. März 2018 ein Pre-Sale bei Kickstarter, wo man das Buch jetzt schon mit verschiedenen Gimmicks erwerben kann. Und etwa ab Mai ist es dann, auch regulär erhältlich. Das Buch wird vom Schweizer Verlag Niggli verlegt, der ein weltweites Vertriebsnetzwerk hat. Das war uns sehr wichtig, Niggli ist im Kunst- und Museumshandel stark vertreten. Meine Hoffnung ist, dass wir so ein weltweites Publikum erreichen. Georgien ist dieses Jahr Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Und ich glaube, dass die Themen, um die es in diesem Buch geht, eigentlich globale Themen sind: Wie verändern sich Städte unter massivem Zuzug? Welches Gedächtnis haben Orte und welche Geschichte erzählen Gebäude? Was wollen wir erinnern und wem gehört die Stadt?

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Aus dem Buch «Tbisili – Archive of Transition» ©Froh e.V.

Hattet ihr eigentlich schon einmal eine Printpublikation zu Georgien herausgebracht?

Das erste, was wir in Georgien gemacht haben, war tatsächlich ein Magazin, was wir mit einem lokalen Team innerhalb von zwei Wochen gemacht hatten. Eigentlich wurden wir nur zu einem zweitägigen Workshop eingeladen. Aber als wir die Arbeiten von den Studentinnen und Studenten gezeigt bekommen hatten, wussten wir, dass wir mit diesen Menschen ein Magazin machen wollten. Und dann sind wir erstmals überhaupt auf die Idee gekommen, ob es nicht vielleicht möglich wäre, in ein oder zwei Wochen ein Magazin zu machen – von der ersten Idee bis zum Druck? Kann man das schaffen? Schließlich hätte man etwas in der Hand, man hätte etwas, was man veröffentlichen kann, wodurch man eine Öffentlichkeit herstellt. Aus dieser neuen Idee war dann das «Mtkwari Magazin» entstanden, benannt nach dem Fluss, der durch Tbilisi fließt und auf Russisch Kura heißt. Die Idee hatte also geklappt. Es war aber auch total anstrengend. Aber es ist ein schönes Heft bei herausgekommen.

Mit «Mtkwari» hat also alles angefangen.

Genau, dieses Magazin war für uns eine ein bisschen Keimzelle, weil uns bewusst wurde: Wenn wir es in zwei Wochen in Georgien schaffen, schaffen wir es vielleicht auch an anderen Orten. Und da ist tatsächlich diese Idee für die Workshop-Reihe “Publish Yourself!” entstanden, die wir an ganz vielen Orten durchführen. Und die Idee ist immer noch die gleiche, nämlich das wir in zwei Wochen Druckabgabe haben. Wir wollen immer an einem lebenden Beispiel arbeiten, wollen das es am Schluss fertig ist .

Ich sage immer, dass es keine bessere Möglichkeit gibt, ein Land kennenzulernen als in diesem ein Magazin zu machen. Und das ist tatsächlich auch für mich der persönliche Reiz, dass ich als Journalist und Gesellschaftswissenschaftler über die Geschichten der teilnehmenden Journalistinnen und Journalisten vor Ort, die nicht durch jahrelanges Arbeiten in Zeitungen und Magazinen geformt wurden, einen ganz tollen, authentischen Einblick bekomme.

Vielen Dank, dass du dir für dieses Gespräch die Zeit genommen hast. Wir wünschen dir für eure aktuelle Kickstarter-Kampagne und eurem ukrainischen Magazinprojekt im September viel Erfolg.

Vielen Dank für dein Interesse.

Der Vortrag von Sebastian Pranz und Klaus Neuburg auf der EDCH 2018, kurz vor unserem Interview.

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