The Gentlewoman Allison Janney

Gentlewoman – Starke Frauen in einem Modemagazin

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Modewelt interessiert mich nur so in etwa so viel wie einem Vegetarier das Beef!-Magazin. Viel zu dünne Frauen mit unnatürlichen Gesichtsausdrücken tragen auf Laufstegen Kleidung, die sich für den Alltagsgebrauch nicht verwenden lässt. Modemagazine spiegeln meistens diese künstliche Welt wider und zeichnen sich dadurch aus, dass die redaktionellen Inhalte von den Werbeanzeigen kaum unterscheidbar sind. Frauen erscheinen in dieser Welt bloß als Objekte, sozusagen als lebende Garderobenständer. Starke Frauen sind meistens nur abseits der langen Laufstege von Paris, Mailand und New York gewünscht, und zwar als Modedesignerinnen, Bloggerinnen oder als Chefredakteurinnen von Vogue. So viel also zu meinen Vorurteilen.IMG_20180320_161034.jpg«The Gentlewoman» fällt gleich auf dem ersten Blick angenehm anders auf. Bei ihren Covermodels fällt die Wahl stets auf starke Persönlichkeiten, die gegenüber austauschbaren Models den Vorzug erhalten. So blickten in vergangenen Ausgaben Adele, Beyoncé, Zadie Smith, Björk oder Angela Lansbury die erfreuten Leserinnen und Leser von den Zeitschriftenregalen an, allesamt Frauen, die eigentlich jeder schon einmal im Fernsehen gesehen hat und denen man eine gewissen Authentizität abkauft.  In der aktuellen Frühlings- und Sommerausgabe ist es die Schauspielerin Allison Janney. IMG_20180320_161105.jpgBeim ersten Durchblättern werde ich jedoch gleich negativ überrascht. Bis ich die ersten redaktionelle Seite finde, muss ich mich durch 74 Seiten blättern! Auf Seite 74 befindet sich das Impressum, dessen zweite Seite sich auf Seite 78 befindet. Auf Seite 80 folgt die erste Seite des Inhaltsverzeichnis, das sich auf Seite 84 fortsetzt und auf Seite 86 endet. Dazwischen – Werbung. Ein Editorial gibt es nicht (oder es ging unter den ersten 74 Seiten Werbung unter). Die 74 Seiten Werbung zeigen auf ihren Bildern eindrucksvoll, was ich an der Modewelt verachte (siehe oben). Ich bin nur froh, das Magermodels zur Zeit nicht im Trend sind. Ab Seite 100 in etwa kommt dafür kaum noch eindeutige Werbung (bei 338 Seiten zähle ich 114 Seiten Werbeanzeigen). Bei den meisten redaktionellen Fotostrecken werden in den Bilderbegleittexten ausführlich die getragenen Marken erwähnt, weshalb auch hier nicht ganz klar ist, ob «The Gentlewoman» irgendwelche Deals eingegangen ist. Vorsichtig ausgedrückt: Wer sich Modemagazine auch wegen der Werbung kauft, ist bei «The Gentlewoman» richtig aufgehoben.IMG_20180320_161133.jpgHat man den ersten Werbebatzen erstmal hinter sich gelassen, kommen endlich die Interviews und Portraits. Das Interview ist mit Molly Gaddard, einer Modedesignern, die sich den eigenen Worten nach beleidigt fühlt, man ihre Mode nicht irgendwie hässlich findet. Einpaar Seiten später wird die Comedian Sally Phillips zu ihrer Karriere und ihrem Humor befragt. Bald darauf zeigt mir eine Fotostrecke, welche Shorts und Shirts demnächst angesagt sind. Spannend finde ich das Portrait über Tavi Gevinson, eine Art Wunderkind der Modewelt, die in ihren 22jährigen Leben mehr erreicht hat, als so mancher Modedesigner bis zum Tod. Zwischendurch gibt es immer wieder einseitige Artikel über bestimmte Emotionen (Vorfreude) oder Zustände (Schlaf).IMG_20180320_161200.jpgIm Teil „bbbb“ des Magazins, also ab Seite 165 wechselt das Magazin für etwa 100 Seiten auf mattes Papier, was mir deutlich besser gefällt als das Hochglanzpapier, welches so typisch für Modemagazine ist. Insgesamt gefällt mir das Editorial Design des Magazins sehr gut. Die Typographie ist für aktuelle Independent Magazine typisch. Wird man in einpaar Jahrzehnten auf die heutige Zeit zurückblicken, wird man wohl anhand «The Gentlewoman» zeigen können, was in den 2010ern im Editorial Design als en vogue galt. Witzig sind die vielen kleinen Icon-haften Bilder, die in den Textspalten vieler Interviews auftauchen und einen Bezug auf die jeweiligen Textzeilen haben.IMG_20180320_161237.jpgDie letzten 80 bis 100 Seiten („Cccc“) setzen sich aus verschiedenen Fotoshootings zusammen, in welchen die Mode im Mittelpunkt stehen. Hier zeigt also «The Gentlewoman», für welche Frauenmode sie stehen. Nichts Provokantes ist dabei, keine Haute Couture. Aber eine Mode, die sich vom langweiligen Durchschnitt der Großstädter abhebt und über die man froh wäre, würden sich mehr in etwa so kleiden. IMG_20180320_161322.jpg«The Gentlewoman» ist eines der wenigen Modemagazine, das seine Protagonistinnen ernst nimmt und zeigt, dass sich Mode und starke Persönlichkeiten nicht ausschließen müssen. Man spürt auf jeder (redaktionellen) Seite, dass es sich um ein Magazin von Frauen für Frauen über Frauen handelt. Zwar wird auch «The Gentlewoman» mich nicht zu einem Mode-aficionado machen. Das wird man dem Magazin aber nachsehen können, insbesondere wo ich nicht ganz zu der Zielgruppe gehöre, für «The Gentlewoman» gemacht wird.

Titel: The Gentlewoman. Issue No. 17, Spring & Summer 2018.
Sprache: Englisch.
Woher: London (UK).
Offzieller Preis: £6.50 bzw. $15.99
Wo kaufen: Coffee Table Mags (€10.99 zzgl. Versand)

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